Urbanität von der Stange

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Stadtleben, möglichst lebenswert! Wer diesem Motiv folgt, der landet schnell bei der Stadteigenschaft „urban“ – an erster Stelle die Projektentwickler, Investoren und Städte selbst. Urbanität (als qualitative Ortseigenschaft) wird derzeit zu einer Mode stilisiert und Teil ökonomischer Verwertungsstrategien: Systematisierung und Standardisierung. Die Identität und Qualität von Orten geht so verloren. (Lesezeit 4-5min)

Unser Leben wird getrieben von Moden. Entwicklungen werden durch Moden bedingt. Und mit ständig wechselnden Moden wird Geld verdient. So wie wir Alle es aus eigentlich allen Bereichen unseres Lebens kennen, gibt es diese „In’s“ und „Out’s“, die oftmals wie ein quasi natürlicher Orientierungspunkt für unser Handeln funktionieren. Das gilt auch in Bezug auf die Art und Weise wie Räume, Orte, Städte und Immobilien entwickelt werden.

Die Weltgesellschaft wird zur Stadtgesellschaft, das ist absehbar. 2050 leben 75% aller Menschen der Welt in Städten. Menschliche Motive in diesem Prozess der Verstädterung sind unterschiedlich und widersprüchlich. Ihre Pole spannen sich zwischen Lebenssicherung und Lebensverwirklichung auf. Gerade in der westlichen Hemisphäre, bei uns, geht es im Schwerpunkt um Letzteres.

„Urbanität für Alle!“

Auf dieser Reise in die Zukunft der Städte schwingt derzeit eigentlich immer und noch stärker werdend der modische Ruf nach Urbanität mit. Städte rufen das zum Motto aus, um auf ihre Attraktivität hinzudeuten und setzen damit ihre Stadtentwicklungsbehörden unter Druck. Für Investoren ist das ebenfalls ein priorisiertes Ziel von Immobilienentwicklungen und/oder Standortentscheidungen. Die Menschen bekräftigen, dass sie nur in einem solchen Umfeld zufrieden leben können. Wagt man allerdings einen Blick hinter die Fassade dieses Schlagworts, so stellt man im Wesentlichen zwei Dinge fest. Erstens: Es besteht keine Einigkeit über die inhaltliche Bedeutung des Begriffs. Und zweitens: Zwischen verschiedenen Erklärungen gibt es oft kaum einen roten Faden des Zusammenhangs. Urbanität ist damit das, was ein „Fuzzy Concept“ genannt wird, undeutlich, unscharf, verschwommen. Dabei wird immer wieder auf Urbanität Bezug genommen als …

  • Eigenschaft, die das Ausleben besonderer Lebensstile möglich macht.
  • Funktion baulicher, funktionaler und sozialer Verdichtung und Durchmischung.
  • Summe aus Größe, Dichte und Heterogenität.

Urbanität wird zum alles beheimatenden „Umbrella-Term“, genauso wie beispielsweise Nachhaltigkeit. Aktuell ist Urbanität stark in Mode, wird aber nur eindimensional, nämlich in erster Linie als eine mathematische Gleichung verstanden (Größe + Dichte + Heterogenität = Urbanität). Das ist die anwendbare und vor allem ablesbare Ökonomisierung von Stadt. Da sich heute mit Stadt sehr gut Geld verdienen lässt, ist es auch nur logisch, dass Menschen versuchen, mit der Urbanitäts-Mode Rendite zu generieren.

„Urbanität ist Alles!“

Die Ökonomisierung von Urbanität erfordert in der heutigen Logik, dass man mit Systematisierung und möglichst auch Standardisierung so etwas wie einen „Blueprint“, ein „Role Model“ oder „Best Practice“ produziert, um es multiplizierbar zu machen. Erst dann wird die Rendite maximierbar. Das Ziel eines rein ökonomischen Stadtmachens ist also: Das, was Stadt(Leben) ausmacht, dekodieren und zur Vervielfältigung bereitstellen.

Der US-amerikanische Projektentwickler Gale bildet die Speerspitze derjenigen, die eine spezielle Qualität von Stadt als konservierbar und multiplizierbar ansehen. Das Pionierprojekt „New Songdo-City“ in Südkorea, eine Retortenstadt für mindestens 70.000 Menschen, ist der Start einer neuen Form von Stadtentwicklung – von der Stange. Ziel des Entwicklers ist es, die Stadt mindestens 20 mal (!) zu reproduzieren. Zwei mal wurde das Konzept bereits nach China verkauft. Das Konzept besteht nicht nur aus Vorgaben bezüglich des geplanten Raumes, es ist komplett durchmathematisiert. Big Data rules – diese Städte sollen urban und zudem noch smart sein. Ob hinter diesem Versprechen aber auch die Absicht einer Hinwendung zu menschlichen Bedürfnissen oder lediglich die Eröffnung weiterer Ökonomisierungsmöglichkeiten besteht, bietet Diskussionsanlass.

Sieht Urbanität überall gleich aus?

Sicher, derartige Retortenstadtentwicklungen sind eher in Regionen denkbar, die unter enormen Bevölkerungswachstumsdruck stehen und aus institutioneller Perspektive ein derartiges Vorgehen nahezu erfordern und damit legitimieren. Zudem sind die Bedürfnisse von Menschen hier grundsätzlich andere als in westlichen Industrienationen. Dennoch kann man auch hierzulande feststellen, dass Immobilienakteure versuchen, eine Standardformel zu entwickeln, die hilft, die Mode „Urbanität“ durch eben solche, standardisierten Lösungen zu verwirklichen.

Die Erfolgsformel heißt hier etwa vertikale, funktionale mit möglichst weitgehender sozialer Durchmischung. Das Wunschergebnis: wenn nicht pulsierender, dann zumindest belebender Beitrag zu einem urbanen Raumerlebnis. Betrachtet man diese Konzepte genauer, mit Fokus auf ihre mathematische Raumgestalt, so erstaunt zuallererst die Linearität der äußeren Hülle, die sich widerstandslos ins uniformistische städtische Bild einreiht. Auch die Suche nach inhaltlichen Mehrwerten als Unterscheidungsmerkmale gängiger Entwicklungen und Bauvorhaben (wenn sie schon räumlich linear sind, so könnten sie doch wenigstens inhaltlich-konzeptionell einmalig sein) bleibt erfolglos. Auf die Umfeldbezüge und die weitere öffentliche Gestaltung wird schon gar kein Fokus gelegt.

Die Entwicklungen tappen in die Homogenitätsfalle, aus der sie eigentlich ein Entkommen bieten sollten. Skybar, Concierges, gängiger Filialisteneinzelhandel, vielfach möblierte Apartments für Menschen, die nicht lange bleiben usw. Nicht nur mathematischer Raum, auch funktionaler und sozialer Raum weisen hier mithin ins Retortenhafte. Das ist aber keineswegs etwas, das zu Lebendigkeit beiträgt und auch nicht urban macht. Es entsteht lediglich ein Schein, ein glänzende Urbanitäts-Oberfläche, der dem erstbesten, jedoch nicht dem wirklich tiefen, substantiellen Blick standhält. Für das Im-Voraus der Planung mag das magere Urbanitäts-Konzept reichen, für das Erlebnis im Nachhinein nicht.

Urbanität meint auch Identität und Zusammenhang.

Denn mit Urbanität geht es nicht nur um bauliche, funktionale und soziale Durchmischung und Verdichtung, es geht um organische Identität. Identität kann niemals mathematisiert und retortenhaft produziert und/oder reproduziert werden. Urbane Identität hat mit dem Charakter von Orten zu tun, mit Charaktereigenschaften, mit deren inhaltlichen Konsistenzen im zeitlichen Verlauf, mit den speziellen Geschichten und Vernetzungen von Menschen und besonderen Funktionen am selben Ort. Zur Urbanität gehört die Verwebung der vorhandenen Phänomene und Menschen an einem Ort. Diese Identität wächst organisch, wird von Menschen geteilt, teilweise über Generationen fortgepflanzt und nur sie bedeutet echten Lebenswert und Lebendigkeit.

Was tun?

… Sinnliche Qualitäten schaffen! Menschen erfahren ihr Lebensumfeld synästhetisch. Wie wäre es solche Gestaltungsqualitäten in modernen Gebäudegestaltungen wieder aufzunehmen?

… Wirklich künstlerisch arbeiten! Vom Architekten sind nicht nur künstlerische Qualitäten sondern Methoden gefordert, auch im Hinblick auf die Bindung an den Ort und die Menschen, die diesen prägen werden.

… Verstehen hervorrufen! Wie bei einem Kunstwerk (in der Rezeption), geht es auf Seiten des Betrachters ums Verstehen. Dafür muss der Architekt aber auch den Betrachter verstehen.

… Verweben und vernetzen! Die Planung und Entwicklung von Orten kann Bezüge herstellen, sie kann Fähigkeiten, Bedürfnisse, Angebote, Funktionen und Menschen in Zusammenhang bringen.

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