Wachsende Orte

Ein Raum oder ein Ort sind nie wirklich „fertig“ – nicht, wenn das letzte Gerüst abgebaut, der Bautrupp abgerückt und der Schlüssel übergeben ist und auch dann nicht, wenn er vielleicht schon ein paar Jahre von Menschen genutzt wird. Ein Ort verändert sich fortwährend und wächst stetig weiter durch die Menschen, die ihn mit ihren Tätigkeiten und Bedeutungen ausmachen. Es ist an der Zeit herauszufinden, wie bestehende und neue Räume zu lebendigen Orten heranwachsen können. (Lesezeit unter 5min)

Kritisieren – klar, das fällt leicht. Nach der Problembeschreibung der letzten beiden Beiträge und dem Versuch neue Werte für die Gestaltung von Orten zu formulieren (Lebendigkeit, Menschenfreundlichkeit) wollen wir ab jetzt auch nach Lösungen suchen, was konkret anders gemacht werden kann. Was heißt die Umsetzung dieser Werte für den Prozess des Bauens und Planens (das „wie?“), für die beteiligten Menschen („wer?“) und die Elemente der baulichen Gestaltung (das „was?). Ich hoffe, das wird nicht zu trocken und bleibt interessant… Wir wollen es also versuchen, ab jetzt, ganz ohne den Anspruch alles besser zu wissen, sondern allein mit der Frage im Hinterkopf: wie könnte man lebenswertere Orte erschaffen? In diesem Beitrag geht es um den Aspekt des Wachstums von Orten und damit um die Fragen des „wer“ und „wie“.

Was lebt, ist das Ergebnis von Wachstum

Die Grundüberlegung lautet, dass Orte lebenswert und lebendig sind, wenn sie gewachsen sind: Wenn meistens Jahre des Alltags, der Erprobung und der Entwicklung vergangen sind, vielleicht Wechsel und Umnutzungen stattgefunden haben, verschiedene Ideen und Versuche gescheitert sind, wenn die Räume vermietet sind und Menschen sie sich auch wirklich zueigen gemacht haben, wenn sich die Angebote vor Ort ergänzen und aufeinander Bezug nehmen. Wie lässt sich dieses Wachstum, was gewisse Orte hinter sich haben, bei der (Um-)Gestaltung unterstützen und befeuern?

Wachstum bedeutet Kollaboration und Kompromiss

Orte, die gewachsen sind und auch solche die noch heranwachsen sollen, sind heute schon das Produkt von Kooperation, Kollaboration und Kompromissen ganz unterschiedlicher Akteure: Architekten, Fachplaner, Besitzer, Bauunternehmer, städtische Vertreter und – ja – auch Investoren. Vor allem nach dem Bau aber mittlerweile manchmal auch davor kommen die „Nutzer“ mit dazu. Das sind die zukünftigen Mieter und Menschen, die im Umfeld wohnen und nach der (Um-)Gestaltung eines Ortes diesen auch benutzen wollen. Diese müssen häufig mit den vollendeten Tatsachen umgehen und lassen den Ort erst menschlich und sozial wachsen. Wenn sie doch in die Planung integriert werden, fällt das unter das Schlagwort „Partizipation“. Allein dieses Extrawort zeigt, dass die Menschen ein Zusatz sind und nicht von vornherein selbstverständlicher Teil des Ganzen. Ich denke, hier besteht ein grundlegendes Problem.

Das Leben ist kein Museumsbesuch …

Ich habe immer wieder folgenden Satz von Leuten gehört, die viel mit der Gestaltung von Orten zu tun haben: „Architekten sind Künstler.“ Aha?! Und die Menschen in den Gebäuden sind dann die Museumsbesucher? Ich finde diese Ansicht bei solchen Aspekten der Gestaltung, die den Alltag von Menschen angeht, sehr schwierig. Denn das Leben von Menschen ist kein Museumsbesuch im Betrachtermodus. Ist das Leben nicht vielmehr ein aktiver Gestaltungsmodus? Wie häufig sieht und nutzt ein Architekt sein selbst entworfenes Gebäude im Vergleich zu den Mietern und die mit ihnen in Verbindung stehenden Menschen?

… und auch kein Ponyhof

Es geht an dieser Stelle gar nicht darum, „Partizipation“ in alle Bereiche zu ziehen, (auch wenn die Utopie einer demokratischen Architektur sicher den Gedankengang lohnt). Der Prozess des Bauens oder Planens soll nicht verkompliziert werden, sondern ganz im Gegenteil eher vereinfacht: Das Wachstum, was meistens mühsam nach der „Fertigstellung“ erfolgt oder dann sogar schon verbaut ist, kann zu einem Teil weitaus vorher und zu einem anderen Teil in das Nachhinein bewusst integriert werden. Es geht darum, die entstehenden Räume mit den Menschen, Angeboten und Nutzungen, welche den Ort später ausmachen, von Anfang an viel verzahnter zu denken, als bisher.

Wachstum kann schon vor der „Fertigstellung“ beginnen

Die erste Aufgabe ist nicht neu: eine umfassende Beschäftigung mit dem Umfeld und bestehenden Netzwerk des Ortes, welcher verändert werden soll: Wer ist schon hier? Wohin will das vorhandene Umfeld wachsen: Also an welche Bedürfnisse, an welche Mängel und an welche Interessen lässt sich anknüpfen? Und was heißt das dann für die Planungen und Angebote des Gebäudes?

Die zweite Aufgabe wird schon schwierig gesehen: die direkte oder indirekte Einbindung der vorhandenen oder zukünftigen Nutzer, mittels Gesprächen oder – das wäre neu – im Modus des Design Thinking, als „nutzerbasierte Methode zur Problemlösung“. Hier werden Lösungsansätze tatsächlich in Prototypen gebaut, durchdacht und immer wieder verfeinert. Weg also von utopischen Wunschdefinitionen an runden Tischen hin zu konkreten Wunschproduktionen und Raumgestaltungen – mit einfachen Mitteln auch mal quick and dirty ausprobierem. Dieser Prozess ist durchsetzt davon, etwas erstmal zu versuchen, auszuprobieren, zu scheitern und zu verbessern: Alles Prozesse, die man in der Planung eher zu vermeiden sucht, die aber ganz unabdingbar sind und normalerweise den Menschen im Nachhinein überlassen werden. Wird dies jedoch in den Prozess integriert, kann das daraus entstehende Wissen in die „Planung“ der Orte einfließen. Und wo sich Räume eben nicht genau planen lassen, können bei der Raumplanung mehrere Funktionen mitgedacht werden.

Wachstum nach „Fertigstellung“ zulassen

Die dritte und ebenfalls neue Aufgabe ist es, Offenheiten bei der Planung zu finden, die nicht zwingend planerisch definiert werden müssen, aber häufig trotzdem definiert werden (beispielsweise Gestaltung der Grün-, Außen- und Freiflächen, nicht-tragende Wände, Eingangsbereiche) und sie ganz bewusst auch offen zu lassen, um diese durch die Nutzung selbst und nach Fertigstellung des Rohbaus erst in die Hand zu nehmen. Und auch das am besten wieder gemeinsam mit den Menschen vor Ort und vielleicht den ersten Mietern.

Was sind die Vorteile dieses strukturiert nutzerbasierten, bedarfsorientierten und experimentellen Vorgehens? Man findet schneller und passgenauer glückliche Mieter und Nutzer, die öffentlichen Flächen und Aufenthaltsorte werden durch Bedürfnisgenauigkeit vielseitig nutzbar und außerdem wird etwaigen Anpassungen und Nachbauten im Nachhinein vorgebeugt. Oder vereinfacht: Ein Ort wächst mit seinen Aufgaben und Menschen, wird schneller akzeptiert, genutzt und ist damit auch schneller lebendig.

 

 

 

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