Menschenfreundliche Orte

Was wäre, wenn Orte so geplant wären, dass sie Menschen bei all ihren Bedürfnissen dienen? Wenn man Räumen und Gebäuden ansehen und anmerken würde, dass sie froh sind, dass Menschen da sind? Was wäre, wenn aus der Planung eines Gebäudes nicht folgt, einem Menschen vorzuschreiben, was er zu tun hat, sondern wenn die Planung dem Menschen all die Tätigkeiten ermöglicht, die er tun muss und tun will?
(Lesezeit unter 4min)

Ich gehe häufig durch die Stadt – gerade auch durch neue Quartiere und entlang neuer Gebäude. Und sehr häufig denke ich: Es ist ziemlich langweilig hier. Alles ist vorgedacht und definiert, ich kann garnichts mehr selbst entscheiden. Hier soll ich Auto fahren, hier parken, hier schlendern, dort ein Eis essen, hier dürfen dann auch mal Kinder spielen, hier soll ich auf den Fluss gucken. Was ist das für ein Bild von Menschen, das Planer bei ihren Überlegungen vor Augen haben? Der Raum ist in jeder einzelnen Funktion sofort zu erkennen. Gähn. Da mache ich lieber die Augen zu und träume. Oder… vielleicht auch nicht. Vielleicht mache ich die Augen auch ganz weit auf und frage nach, warum das so ist.

Vor zwei Wochen war ich beim Kongress zur Zukunft der Arbeit auf Kampnagel in Hamburg auf einer Tour mit dem Thema „Creating Cities“. Ein Haltepunkt auf der Reise durch die Stadt: Die HafenCity Hamburg. Ein schönes Beispiel für durchgeplante Raumdefinition. Der Geschäftsführer der Hafen City GmbH, Giselher Schultz-Berndt, hielt einen Vortrag, der angesichts vieler Fragen und einer offenen Stimmung allerdings schnell zu einem Gespräch wurde. Ich meldete mich und fragte nach: Welches Menschenbild hat die Hafencity eigentlich? Warum muss ich mich als Mensch überall an Ihre Planungen halten? Warum haben Sie in der Planung nicht ein paar Lücken gelassen, damit noch etwas Unerwartetes wachsen und entstehen kann?

Die Planung schreibt dem Menschen häufig vor, was er wo machen darf und soll

Herr Schultz-Berndt reagierte souverän aber ein wenig ausflüchtend. Die HafenCity habe kein zugrunde liegendes Menschenbild. Man habe schnell gemerkt, dass irgendwelche „Zielgruppen“ bei der der Planung nicht weiter helfen. Die HafenCity soll für alle da sein. Und er erklärte, dass sehr viel im Nachhinein gewachsen ist, zum Beispiel durch Vereinsgründungen und Initiativen.

Hm. Ohne Menschenbild planen? Es wird ja eben trotzdem am Ende ein Bild ablesbar, anhand dessen, welche Aktivitäten möglich sind und welche Menschen sich hier auf- und verhalten – und welche gerade nicht. Das war also leider keine Antwort auf meine Frage nach räumlichen Qualitäten und planerischen Hintergründen. Schon klar, dass sich Menschen am Ende den Raum aneignen und selbst zivilgesellschaftlich aktiv werden, um die (Fehl-)Planung zu korrigieren. Aber ich will wissen, was die Planung schon vorher tun kann. Ich bin ziemlich enttäuscht, dass gerade die HafenCity als eine städtische Entwicklung auch dem rationalen Geist der umfassenden Raumausnutzung und Profitmaximierung verfallen ist und nichts anders macht, als „die Privaten“. Ich träume also wieder und frage mich, welche Annahmen in die Raum- und Stadtgestaltung einfließen könnten.

Kurz und Knapp: Der Raum bestimmt unser Befinden, unser Handeln und unsere Psyche

Zunächst sehe ich, dass Gebäude und Räume uns einfach immer umgeben, egal, was wir tun. Egal wann. Ob wir wollen oder nicht. Räume und Gebäude prägen unser Handeln. Und unser Handeln ist untrennbar verknüpft mit der Art und Weise, wie wir denken und fühlen. Und in Räumen spielt sich unser ganzes Leben ab. Ich möchte dieses Leben gerne selbstbestimmt leben. Und ich wünsche mir, dass Planer sich nicht selbst verwirklichen, sondern den Menschen ein gutes Leben ermöglichen – ob innen oder außerhalb von Gebäuden. Ich möchte, dass Gebäude freundlich zu Menschen sind. Das bedeutet: Nutzerfreundliche Gebäude zu bauen oder sie dahingehend zu ändern.

Freundliche Orte können zwei Dinge

En Ort, der freundlich zu Menschen ist, kann ganz einfach heruntergebrochen zwei Dinge. 1. Er kennt und erfüllt meine grundlegenden Bedürfnisse und lässt mir 2. dazu noch Freiheiten, mich selbst zu verwirklichen. Unter Erstens fällt alles, was mir mein Leben als Mensch im Alltag erleichtert – als Mensch der arbeitet, sich bewegt, einkauft, chillt und andere Menschen trifft. Ein freundlicher Ort ist gut zu meinem menschlichen Körper, er schont oder regeneriert ihn, er ist sich bewusst, was ihn anstrengt. Ein freundlicher Ort ist außerdem auch gut für meinen Geist – er entspannt ihn oder regt ihn sogar an. Unter Zweitens fällt dann alles, was mein menschliches Bedürfnis nach Freiheit und Kreativität ist. Ein freundlicher Ort gibt mir die Möglichkeit zur Entfaltung, ich kann hier Musik machen, lesen, mehr über den Ort selbst und seine Menschen herausfinden und ihn für meine Zwecke benutzen. Er regt mein Denken und mein Handeln an und unterstützt beide – er ist offen dafür, dass ich ihn und seine Atmosphäre zeitweise bestimmen kann.

Ein menschenfreundlicher Ort ist einfach zu benutzen und zu gestalten. Der wichtige daran ist, dass es nicht schwer ist, das umzusetzen. Planung muss ja nicht heißen, unbedingt alles zu definieren und richtig machen zu wollen, sondern vielleicht vor allem so wenig wie möglich falsch. Eben keine Chancen zu verbauen.

Ich glaube, es ist weder aufwändig noch besonders schwer, freundlich zu Menschen zu sein – zumindest nicht aufwändiger als bisherige Planungsprozesse. Dazu muss man nur wissen, was es heißt, ein Mensch zu sein und wie der Alltag und die Bedingungen des menschlichen Lebens aussehen. Und man kann versuchen, das in Architektur und Raumnutzung zu übersetzen.

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